Das aktuelle Seminar

2018: Die Wissenschaft von Genuss und Geschmack

Deutsch-französisches Seminar zum Thema "Die Wissenschaft von Genuss und Geschmack"

Séminaire franco-allemand "La Science du Goût"

„Wissenschaftlich betrachtet ist Wein ein alkoholisches Getränk wie jedes andere“ – mit dieser Aussage sorgte die französische Gesundheitsministerin Anfang 2018 bei ihren Landsleuten für großen Unmut. Insbesondere die mächtige Winzerlobby protestierte: Wein könne man nicht mit Spirituosen gleichsetzen, französischer Wein sei Tradition, ein Kulturerbe, une identité nationale!
Der Vorfall zeigt exemplarisch, dass Genuss und Geschmack mehr bedeuten als der Duft von Ziegenkäse oder die knusprige Kruste eines Stück Baguettes. Dahinter verbirgt sich ein bedeutsamer Wirtschaftszweig. Auch in der Wissenschaft sind Genuss und Geschmack daher ein wichtiges Thema: Wie etwa entsteht aus dem Zusammenspiel von Aromen und Sinneszellen so etwas wie Geschmack? Woher stammen (aus kulturwissenschaftlicher wie wahrnehmungspsychologischer Sicht) unsere Geschmacksvorlieben – und wie lassen sie sich in Labor und Werbung manipulieren?  Was ist Genuss und wann wird er zur Sucht?

Mit diesen Fragen im Gepäck reisten die Teilnehmer der elften Auflage des deutsch-französischen Seminars Anfang Oktober 2018 nach Straßburg. In der einwöchigen Seminarkonferenz der Universitäten aus Dijon, Straßburg und Dortmund gaben Experten aus Frankreich und Deutschland Einblick in ihre Forschungsarbeit und stellten sich der Diskussion mit den Teilnehmern. Gleichzeitig trainierten die Studierenden aus beiden Ländern in einer aktuellen Berichterstattung über diese Fachkonferenz journalistische Stilformen wie Bericht, Kommentar, Interview und Reportage.

Vergleichbar mit der Tageskarte eines guten Restaurants sollte auch ein Seminar zum Thema "La science du goût" ein abwechslungsreiches "Menü" an Programmpunkten anbieten: Zum Auftakt des Seminars erklärte der Lebensmittelchemiker Christophe Marcic von der Universität Straßburg, wie der Mensch Gerüche wahrnimmt und wie das Gehirn sie entschlüsselt. Gunther Hirschfelder, Kulturwissenschaftler von der Universität Regensburg und Mitglied in der deutschen Akademie für Ernährungskultur, gab einen Einblick in die historische Entwicklung der Esskultur und formulierte Thesen zu den Zukunftstrends der Ernährung. Ein exotisches Vortragsthema servierte Véronique Pitchon, Wissenschaftlerin am CNRS in Straßburg. Die Kulturhistorikerin erläuterte, welchen positiven Einfluss Genuss auf die Gesundheit der im 8. Jahrhundert herrschenden Kalifen in Bagdad hatte. Der für seine Forschung an der Taufliege (Drosophila) bekannte Biologe Klemens Störtkuhl von der Ruhr-Universität Bochum erklärte den Studierenden den Unterschied zwischen Geruch und Geschmack. Mithilfe von Geruchsproben zeigte Störtkuhl, wie einfach sich die Sinneswahrnehmung manipulieren lässt. Als Abrundung der Konferenz verdeutlichte Thomas Vilgis vom Max-Planck-Institut für Polymerforschung am Beispiel der Molekularküche, welche physikalischen Eigenschaften Lebensmittel besitzen und wie man diese nutzen kann, um neue Geschmackserlebnisse zu produzieren.

Für die Teilnehmer ging es während des Seminars auch darum, verschiedene journalistische Stilformen einzuüben. Unter Realbedingungen verfassten die angehenden Journalisten am Anschluss an die Vorträge Artikel, die von den Seminarleitern in den morgendlichen Redaktionskonferenzen kritisch besprochen wurden.

Der Lehrstuhl Wissenschaftsjournalismus dankt der wilo-Foundation sehr herzlich für die finanzielle Unterstützung des deutsch-französischen Seminars.

Programm

Das deutsch-französische Seminar fand vom 01. bis zum 05. Oktober 2018 statt – zum elften Mal als gemeinsame Veranstaltung des Lehrstuhls Wissenschaftsjournalismus in Dortmund und des Masterstudiengangs Communication Scientifique et Technique aus Straßburg. Seit 2013 gehört auch die Université de Bourgogne aus Dijon der Kooperation an. Während des Seminars nahmen die Studierenden an den wissenschaftlichen Vorträgen teil. In Gruppenarbeit skizzierten die deutschen und französischen Teilnehmer Möglichkeiten, mit denen die Qualität journalistischer Beiträge zum Thema Genuss und Geschmack garantiert werden kann. Außerdem erarbeiteten sie kulturelle Unterschiede und Gemeinsamkeiten rund um das Thema Genuss zwischen Frankreich und Deutschland heraus. Die Teilnehmer diskutierten außerdem über die berufliche Praxis von Wissenschaftsjournalisten in Deutschland und Frankreich. Ihre Gesprächspartner waren Astrid Viciano (Wissenschaftsredakteurin für Medizin bei der Süddeutschen Zeitung) sowie der freie Journalist Christian Robischon (u.a. für AFP, L’Alsace).

Auch die wirtschaftliche Seite von Genuss und Geschmack wurde beleuchtet: Beim Besuch in einer elsässischen Traditionsbrauerei recherchierten die Seminarteilnehmer über die Technisierung und Marketingstrategien im Umfeld von Genuss und Geschmack.

Das Programm zum Seminar (PDF)

Glossar

Im Vorfeld des Seminars verfassten die Studierenden eine Vokabelliste mit den wichtigsten Fachbegriffen zum Thema "Wissenschaft von Genuss und Geschmack". Das Glossar diente zur Vorbereitung auf die teils auf Deutsch, teils auf Französisch gehaltenen Vorträge.

Das Glossar zum Seminar (PDF)

Schreibwerkstatt

Die journalistische Berichterstattung von einer wissenschaftlichen Konferenz stand im Fokus des Seminars. Nach einer Einführung in die journalistischen Formen Bericht, Kommentar, Interview und Reportage - bei der auch Unterschiede in Frankreich und Deutschland zur Sprache kamen - verfassten die Studierenden abends Artikel zu den Themen des Tages. Die Mühe hat sich gelohnt: Die besten deutschen und französischen Texte wurden von der Jury ausgezeichnet. In Kürze folgen hier die prämierten Artikel zum Nachlesen.