Logo-Rätsel: Trifft ein Grafiker einen Chemiker...

Eigentlich war die Grafikerin richtig stolz auf ihren Entwurf für unser erstes Logo: Sie hatte ein Modell des DNA-Moleküls, das sozusagen den biologischen Text des Lebens enthält, mit Textbausteinen aus einem Zeitungsartikel verbunden und beides dann mit dem Wort "Wissenschaftsjournalismus" umrankt. Harmonischer kann man die Facetten des Fachs grafisch kaum zusammenfügen. So sollte man jedenfalls meinen - bis, ja bis sich ein Dortmunder Chemiker meldete! Denn der hatte noch genauer hingesehen...

DNA mit Rechts-Links-Schwäche

Die berechtigte Kritik des Chemikers: Die DNA im Logo unterscheidet sich von natürlicher DNA in Pflanzen, Tieren oder Menschen. Klar, sie ist schematisch dargestellt: Bänder und Stäbchen symbolisieren die Molekül-Bausteine Zucker, Phosphat und Basen. Der entscheidende Punkt ist aber: Die DNA im Logo unserer Grafikerin ist linksgängig, natürliche DNA hingegen rechtsgängig. Das heißt: Würde man auf dem Strang der Logo-DNA wie auf einer Wendeltreppe hinabsteigen, so würde man linksherum gehen, gegen den Uhrzeigersinn. Eine rechtsgängige DNA oder Wendeltreppe verläuft dagegen rechtsherum, wenn man sie hinabsteigt.

Rechtsgängig oder linksgängig: Chemiker nennen diesen Unterschied Chiralität. Chiralität stammt von dem griechischen Wort für Hand, nämlich "cheir", von dem sich übrigens auch das Wort Chirurg, "Handarbeiter" (sic!), ableitet. Im Deutschen spricht man auch von "Händigkeit", denn die Hand illustriert das Chiralitätsproblem besonders anschaulich. Betrachtet man seine rechte Hand vor einem Spiegel, so stellt man fest: Das Spiegelbild der rechten Hand entspricht der linken Hand, nicht aber ihr selbst. Und etwas, das nicht identisch mit seinem Spiegelbild ist, nennt man chiral - das gilt für Hände ebenso wie für viele chemische Moleküle. Nicht chiral sind dagegen Objekte, die mit ihrem Spiegelbild identisch sind, eine Kugel etwa oder andere symmetrisch aufgebaute Dinge.

Salz ändert die Drehrichtung...

Das Spiegelbild der natürlichen, rechtsgängigen DNA ist die linksgängige DNA. In der Natur kommt linksgängige DNA nicht vor. Man kann sie jedoch im Reagenzglas erzeugen, indem man DNA mit Salz versetzt. Normalerweise wird das rechtsgängige Erbgut-Molekül durch Wasser in seiner Umgebung stabilisiert. Das Salz entzieht ihm nun aber die stabilisierenden Wassermoleküle - und die DNA ändert ihre Gangrichtung. Sie wird zu einer linksgängigen DNA, die wegen ihrer Zickzack-Form auch Z-DNA genannt wird. Ob diese DNA-Variante eine biologische Funktion hat, ist unklar. In grafischen Darstellungen wird links- und rechtsgängig oft verwechselt. Selbst renommierte Fachzeitschriften wie "Nature" oder "Science" haben natürliche DNA schon versehentlich linksgängig gezeichnet. Während dies heute beim Spiegeln von Bildern oder aus Unachtsamkeit geschieht, war dies früher ein Problem der Druckmatrize. Auf diese musste das Motiv nämlich spiegelverkehrt gezeichnet werden. Historische Untersuchungen belegen beispielsweise, dass im 16. und 17. Jahrhundert Schneckenhäuser meistens linksgängig abgedruckt wurden. In natura tragen Schnecken jedoch in der Regel ein Häuschen, das sich von innen nach außen rechtsherum windet.

... Ästhetik auch

In der heutigen Zeit symbolisiert ein Fall wie die DNA mit Rechts-Links-Schwäche womöglich ein typisches Problem des Wissenschaftsjournalismus: Grafiker und Journalisten müssen oft auch nach optischen Gesichtspunkten entscheiden, damit ihre Botschaft überhaupt ankommt. Für Wissenschaftler hingegen sind Exaktheit und Genauigkeit meist ein höheres Gut. Und in unserem Fall sieht die natürliche DNA im Logo einfach nicht so schön aus. Oder? Der Kompromiss: Unser ästhetisch bedingter Richtungswechsel wird zum kleinen Rätsel ausgebaut - und ermuntert vielleicht auch ein wenig zum Querdenken. Grafiker und Chemiker jedenfalls sind inzwischen wieder versöhnt.

Literatur:

Henri Brunner, Die DNA-Doppelhelix - mal rechts, mal links?, Nachrichten aus der Chemie, 49, Juni 2001.

(Letzte Aktualisierung 12.01.2010)